Warum literarische Zukunftserzählungen politisch sein können

Die Forderungen für politische Literatur des brasilianischen Poeten Ricardo Domeneck vor dem Hintergrund des Anthropozäns weiter gedacht.

Der Dichter Ricardo Domeneck bekräftigt in seinem Artikel „Politisiert euch, Dichter*innen!“ das politische Potential von Literatur. Dabei wendet er sich gegen die in der Globalisierung idealisierte Neutralität, wie sie in zeitlosen und ortslosen Erzählungen gerade populär ihren Ausdruck findet. Politisch sei Geschriebenes dann, wenn es „sich seiner Zeit und seines – lebenden – Publikums bewusst ist“. Domeneck fokussiert damit ein Schreiben, bei dem die Gemeinschaft und die Zeit in der der Schriftsteller lebt, thematisiert sind und welches für das Publikum der Gegenwart entstanden ist.

Doch das schließt nicht aus, dass auch Kunst, welche eine imaginäre Zukunft versinnbildlicht und vielleicht sogar die Menschen in ihr adressiert, politisch sein kann. Mit den Themen, die das Anthropozän aufwirft, ist man schnell bei der Frage:  Welche alternativen Zukünfte gibt es? Literatur (Kunst allgemein) kann solche Zukünfte hervorbringen, da sie frei in Form und Inhalt ist. Sie kann aus dem Gewohnten heraustreten und phantastisch oder realistisch Utopisches erzählen.

Diese Texte können durch die Antizipation möglicher Zukünfte Ideengeber für ein neues Nachdenken und einen neuen Diskurs über gegenwärtiges Verhalten und Verhältnisse sein. George Orwells dystopischer Roman „1984“ steht seit der Präsidentschaftswahl in den USA im letzten November wieder präsenter in den Regalen der Buchhandlungen. Bereits in den 1940ern war das Buch beeinflussend, auch wenn noch niemand ernsthaft an Überwachung und alternative Fakten dieser gegenwärtigen Qualität gedacht hat. Heute sind die Themen aktueller und politischer denn je. Und das, obwohl Orwell nur ansatzweise über seine Zeit geschrieben hat – er hat in „1984“ einfach weiter gedacht, als viele seiner Zeitgenossen.

Gerade im Diskurs um das Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, steht immer auch das für künftige Generationen Relevante im Fokus.  Literatur im Anthropozän, auch wenn sie wenig Bewusstsein über das lebende Publikum präsentiert, oder zeit- und ortsneutrale Erzählung ist, kann durchaus politisch sein, wenn sie nur visionäre Narrationen beinhaltet.

 

von Simone Hieber

 

Simone Hieber ist Umweltsoziologin, als Projektmitarbeiterin am KMGNE tätig und für die Öffentlichkeitsarbeit von auto mobilis 2 zuständig.